Ein Gottesbeweis? Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

2008/10/04 § Leave a comment


Dieser Tage las ich auf Spiegel Online vom perfekten Gottesbeweis [1]. Mir wurde klar, mir will der Glaube an eine irgendwie geartete Kraft, die zu leiten vermag nicht gelingen. Ich in mir sicher, dass Universum ist so “leer”, wie jener Gottesbeweis, und genau so leer, wie es eben sein muss, wenn es von Logik und Vernunft und dem Nachweisbaren erfüllt ist.

Ich vermute (aber die Zukunft wird es bringen), wenn man einmal den Schritt in die Vernunft getan hat, dann geht es nicht mehr zurück in die kindliche Welt des Aberglauben (wobei ja jeder Glaube letztlich Aberglaube sein muss). Gewiss kann man sich „gehen lassen“ und seine Fantasie zum Kapitän machen. Aber auch wenn das Leben dann auf der einen Seite ein wenig geborgener und pflegeleichter zu sein scheint, so kann es die Belohnungen nicht ersetzen, die auf der anderen Seite entstehen, wenn man die Existenz als etwas „Verstehbares“, nicht-mystisches begriffen hat.

Wieso manche Menschen glauben, dass das mystische Schauen auf die Welt das tiefere, dass ursprünglichere, dass sich näher an der Essenz der „Wahrheit“ befindende ist, will mir immer weniger einleuchten. Denn nie habe ich erlebt, dass ein Mensch, der die wissenschaftliche Weltsicht verinnerlicht hat, zurück gegangen wäre. Die Mystiker und Religiösen haben nie den wissenschaftlichen Blick gehabt, alleine schon, weil sie ihn von vornherein ablehnen. Wohl behaupten sie oft, dass sie ihn verstanden hätten, aber dem ist offensichtlich nicht so.

Umgekehrt habe ich es wohl häufig gehört und gesehen, dass ehemals sehr „geistig“ veranlagte Menschen sich immer mehr, durch eine Erkenntnis der wissenschaftlichen Lehre und des Verinnerlichens von wissenschaftlichen Prinzipien, von der „Geistigkeit“ abgewandt haben.

Zugegebenermaßen geschieht das nicht immer ohne Probleme. Das Eingeständnis, dass es den doppelten Boden und die Sicherungsleine des himmlischen Friedens bei einem neuerdings gütigen christlichen Gott nicht gibt, ist kein einfacher Schritt! Niemand kann ernsthaft behaupten, dass die Aussicht auf ein Nirvana, einen Garten Eden, ein Shangri-La, die ewigen Jagdgründe oder ein sonst wie geartetes, geistiges oder perfektioniertes irdisches, Schlaraffenland reizlos ist!

Und dennoch; sehr oft, wenn nicht sogar immer, haben diese Menschen die Mystik und ultimativ somit auch Religiosität insgesamt, als ein Stehen bleiben erkannt. Als eine Weigerung sich den Konsequenzen der Logik und des Verstandes hinzugeben. Sehr oft sagen Esoteriker und Mystiker, dass man dem Verstand nicht trauen darf. Persönlich erkenne ich darin zum einen eine kindliche Furcht vor dem Verlust der trostvollen quasi-religiösen Mentalität, auf der anderen Seite eine Kapitulation vor dem Aufwand, den der Weg der Erkenntnis bereiten könnte. Wäre man bösartig, würde man darin sogar einen rhetorischen Trick erkennen können, der den Glauben statt der Erkenntnis zementieren soll.

Wishfull thinking?

Mir scheint, der Eine oder Andere bleibt lieber in seiner Fantasiewelt zurück, in der er selbst der Herr sein kann. Aber genau aus diesem Grunde kann es im Religiösen keine Übereinkunft geben. In der wissenschaftlichen Erkenntnis ultimativ aber sehr wohl.

Nun sagen viele: „Es gibt einen Grundstoff, eine Essenz der Mystik“, aber auch hierin sehe ich eine Selbsttäuschung. Hinter der „Essenz der Mystik“, oder der „Gemeinsamkeit aller Religionen“, wie man lapidar sagen könnte, steht nichts anderes als ein Wunsch, eine Furcht und eine Hoffnung- also eine Emotion. Es ist der Wunsch nach Frieden und Harmonie, die Furcht vor dem Tod und die damit verbundene Hoffnung sich über die eigene Endlichkeit hinwegsetzen zu können.

Das einige Prinzipien, oder Leitfäden verschiedener Religionen sich so ähnlich sehen ist wohl kaum verwunderlich. Es kann nicht merkwürdig sein, dass es so etwas wie die „goldene Regel“ gibt. Es ist verständlich, dass es einen Antrieb zur Kooperation gibt, statt zum Kämpfen. Zur Konfliktvermeidung oder Beilegung haben sich natürlich ähnliche Grundsätze entwickelt. Ähnlich, wie sich auch in nahezu allen größeren Kulturen zwecks Schaffung von Ordnung eine Form von Lebensbund zwischen Mann und Frau entwickelt hat. Oder eine Form von Rechtsprechung erfunden wurde, mit den damit verbundenen Sanktionen bei Missachtung.

Hierin sind natürlich rein pragmatische Erwägungen zu erkennen, keinesfalls aber göttliche Fügung.

Oft hat Religion versucht andere Dinge zu erklären, die nichts mit solch pragmatischen Erwägungen zu tun haben. Sei es, wie Materie und letztlich Leben entstanden ist, wie das Universum funktioniert oder wo Krankheiten herkommen, um nur einige der größten Fehlgriffe religiöser Deutung zu nennen. Die Liste jedoch ist lang, und man muss lange suchen, um eine wissenschaftlich haltbare Erklärung eine Naturphänomens in irgendeiner heiligen Schrift zu finden. Mir fällt keine ein, auch wenn es an Behauptungen vonseiten religiöser Menschen nicht mangelt. Bei genauer Betrachtung handelt es sich immer um eine Interpretation, die erst dann entstand, als die in Anspruch genommenen wissenschaftliche Erkenntnis verfügbar war.

Auch dass deutet nicht auf eine „Überlegenheit“ der „religiösen Unvernunft“ gegenüber der wissenschaftlichen Vernunft hin, sonder viel mehr im Gegenteil. Nur wer mit Eselhafter Störrischkeit an seiner Geisterwelt festhalten will, wird zu allem nachträgliche Argumente schustern können. Aber das, was diese Argumente daher immer bleiben sind Ad Hoc Erklärungen, die lediglich neue leere Worthülsen und unüberprüfbare Hypothesen für eine Weltschau liefern, die aufgrund eines emotionalen Protektionismus einem Erhalt des Status Quo verpflichtet ist, statt, sich dem empirischen Wissen zuwendend, die Innenwelt mit der neuen Erkenntnis in Einklang bringt.

Anders gesagt, geht es dem so genannten Geistesmenschen darum, Erklärungen passend zu seiner Emotionalität zu finden. Es geht daher meist darum, dem Realen etwas hinzuzufügen, dass zum eigenen Wohlsein beizutragen vermag. Wissenschaft kümmert sich im Idealfall nicht darum, wie das befinden einer Person zu einer Erkenntnis steht (und dieser „Idealfall“ wird erstaunlich oft erreicht). Hierin liegt doch letztlich der, jene verschiedenartigen Menschen prägende Unterschied. Hierin liegt mitunter auch die häufige Unmöglichkeit des Gesprächs zwischen Vertretern der beiden Lager zu liegen.

Wer wird der Menschheit letztlich den größeren Dienst erweisen? Das vermag wohl keiner vorherzusehen. Aber wer Wahrheit spricht, und wessen auf Fantasie basierende Weltanschauung die Macht zu entzweien hat, dass sieht ein jeder, der sich von der Fantasiewelt gelöst hat. (An dieser Stelle wird dann gerne erwähnt, dass Wissenschaftler die Atombombe gebaut haben. Solche Polemik führt jedoch hier nicht weiter, als der Hinweis auf die Inquisition, von religiöser Seite organisierte Pogrome gegen z. B. Juden oder eine große Anzahl an Gewaltverbrechen unter dem Deckmantel der Religion in der neueren Zeit, dem so genannten Terrorismus)

So klein wie…na…vielleicht…Midichlorine?

Sehe ich darin einen Anti-Gottes Beweis? Sicherlich! Einen Gott, wie ihn unsere religiöse Fantasie gerne vorgibt kann es nicht geben, da in einem geordneten Kosmos (kleines Wortspiel 🙂 ) kein Platz für einen Gott des „Eingreifens“ in die „Mechanik“ des Seins ist. Und weil es eines anderen Gottes nicht bedarf.

Möchte nun jemand an einen Gott glauben, der nicht eingreift, in die Geschicke der kleinen Menschen, der daher gleichsam außerhalb des Universums steht, dann handelt es sich um keinen Gott, den sich irgendeine Fantasie in der Geschichte der Religion jemals ausgedacht hat (auch nach langem Nachdenken will mir kein solcher Gott einfallen- welchen „Zweck“ hätte er kulturell auch erfüllt?).

Erst im zwanzigsten Jahrhundert kommen verstärkt solche Überlegungen auf, und manche bezeichnen es fälschlicherweise als „Agnostizismus“. In Wahrheit aber, kann ein Agnostiker nur jemand sein, der die Möglichkeit eines „ordnenden Gottes“ nicht ausräumen mag. Streng genommen sind daher nahezu alle europäischen „Agnostiker“ (und sogar einer meiner Freunde, der sich als gläubigen Menschen bezeichnet) nach amerikanischem Verständnis Atheisten (und ich finde daher, man sollte den Begriff behutsam verwenden).

Doch, warum kommt diese Bewegung gerade jetzt, in den letzten vielleicht 50 bis 100 Jahren verstärkt auf? Es ist nicht ganz falsch, wenn man sagt, der Platz für Gott wird aufgrund oder dank der wissenschaftlichen Erkenntnis immer kleiner. Erst zu einem Zeitpunkt also, als die Seele des Menschen, die für lange Zeit als eine Gott beweisende Essenz betrachtet wurde, weder im Herzen, noch im Gehirn oder irgendwo sonst gefunden werden kann; zu einem Zeitpunkt, da das Gesetz der Evolution in der Lage ist schlüssig die Entstehung des Lebens von ersten chemischen Reaktionen bis hin zu Mehrzellern zu erklären, und zu einem Zeitpunkt, da man der Grundsubstanz und somit der Erklärung der Entstehung des Universums ohne Zuhilfenahme eines Gottes zum greifen nahe ist, da kommt man auf die Idee, dass Gott nicht auf diese Art zu finden ist.

Also erst, nachdem man Jahrtausende darauf pochte, dass Gottesbeweise irgendwo-dort-drinnen-oder-draußen zu finden sein müssten.

Der Platz für diesen Gott wird in der Tat klein. Sehr klein.

Abschließend daher die Feststellung, dass der Wunsch „zu Glauben“ der Wunsch ist, dass wir in einem ungeordneten Universum leben, in dem eine höhere Macht jederzeit willkürliche Veränderungen herbeiführen kann (und daher den Menschen Voraussagen des Verhaltens der Natur, und somit letztlich Wissenschaft, unmöglich macht), während wir anderen im prognostizierbaren Kosmos leben, und uns dort auch wohl fühlen. Woanders möchten wir gar nicht leben.

P.S. Mehr zum Thema findet sich übrigens in Richard Dawkins Buch „Der Gottes-Wahn“.

P.P.S. Übrigens meine ich mit „wissenschaftlicher Weltanschauung“ natürlich nicht einfach eine naturalistische Anschauung als solche. Die kann frei von jeglicher „Ansicht“ bezüglich Religion sein, oder sogar bei manchen nicht verinnerlicht werden, wobei Platz für allen möglichen Aberglauben bleiben kann. Ich meine also eine naturalistische Weltsicht, die stringent bis in alle Winkel des philosophierens „durchgehalten“ wird.

P.P.P.S. Noch eins wollte ich schnell los werden: auf meiner momentanen Reise in Asien bin ich zwangläufig der Geschichte des Buddhismus und seinen Spielarten ausgesetzt. Manch ein Europäer mit seinem vermutlich eher romantisch-verklärten Bild des friedliebenden Buddhisten würde sich übelst umschauen, wüsste er, welche Greueltaten sich auch diese Religionsgemeinschaft im Laufe der Jahrhunderte untereinander und an anderen im Namen des Glaubens geleistet hat.

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[1] http://wissen.spiegel.de/wissen/redirect/redirect.html?c=wissenschaft&r=mensch&a=577503&s=spox&qcrubrik=kultur

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